Ausgliederung, egal wie? Ein kleiner Denkanstoß

Der folgende Text wurde uns am Mittwochmorgen zugesandt und stammt nicht von den üblichen Autoren dieses Blogs. Wir veröffentlichen ihn an dieser Stelle, weil wir die darin zum Vorschein kommenden Gedanken einer größeren Plattform zugänglich machen wollen. Auch hier gilt wieder: Lesen und eigene Gedanken machen!

Liebe Mitglieder von Preußen Münster, Preußenfans und Befürworter einer Ausgliederung,

seit der Informationsveranstaltung kreisen meine Gedanken fast durchgängig um die vorgestellten Pläne der Vereinsführung und die damit verbundenen Äußerungen der Protagonisten dieses Abends. Das Gute: Endlich sprechen wir über konkrete Pläne und Veränderungen. Und mit dem 14. Januar haben wir endlich einen Termin, an dem abgestimmt wird. Jedes Mitglied nach seinem Gewissen, nach seinen Überzeugungen und Vorstellungen und Wünschen für unseren Herzensverein.

So viel Ehrlichkeit gehört zu diesem Text. Als Ultrà von Preußen Münster habe ich spezielle Vorstellungen und Wünsche, wie sich unser Verein in Zukunft aufstellen soll. Speziell insofern, weil sie sich, denke ich, grundsätzlich von denen unterscheiden, die sich vom Verein nach Jahrzehnten der sportlichen Leidenszeiten endlich einfach so etwas wie Erfolg wünschen.

Ich kann euch verstehen.

Ich persönlich bin kein Freund von Investoren beim Fußball. Sie unterscheiden sich von Sponsoren insofern, dass sie mit ihrem Geld eine Wette eingehen. Eine Wette auf den Verein, den ich mit viel Zeit und Herzblut durch Deutschland begleite und der einen einzigartigen Stellenwert in meinem Leben einnimmt. Dass die erste Profimannschaft ausgegliedert werden soll, diese Vorstellung bereitet mir Magenschmerzen. Nicht weil ich danach kein Fan mehr von Preußen Münster sein kann. Nicht weil ich danach nicht mehr aufmerksam verfolge, ob und wie sich unser Verein in den sportlichen Duellen schlägt, sondern weil ich gerade einfach nicht weiß, ob ich anschließend noch Ultrà von diesem Verein sein kann, ohne mich dabei ständig selbst belügen zu müssen. Weil sich die Charakteristik des Vereins, den ich auf meine Art und Weise lieben und leben gelernt habe für immer, quasi unwiderruflich, verändern wird.

Weil diese Entscheidung einmal gefällt wird und anschließend nicht mehr zu ändern ist, bin ich ehrlich gesagt sehr froh, dass es die auf den ersten Blick sehr hohe Zustimmung von 75% der Mitgliederversammlung bedarf. Eben weil es keine einfache Entscheidung über einen Posten oder sonst etwas ist, sondern weil sich das Wesen unseres Vereins mit der Entscheidung für immer verändern wird. Gleichzusetzen ist dies in meinen Augen mit Änderungen im Grundgesetz, die aufgrund ihrer Tragweite auch eine qualifizierte Mehrheit brauchen, die fernab einer einfachen Mehrheit liegt.

Und aufgrund dieser Tragweite machen es sich viele Fans und Mitglieder in den Diskussionen zu einfach, wenn immer gefordert wird, die Pläne der Vereinsführung doch abzusegnen und den Menschen zu vertrauen. Da machen es sich viele kritische Fans, die gewiss zerrissen sind zwischen der Sorge vor Veränderungen einerseits und berechtigten Zukunftsängsten für unseren Verein als e. V. andererseits, viel zu einfach.

Mit ein paar Beispielen und Vergleichen, auch aus dem politischen Alltag und der Vergangenheit unseres Vereins, möchte ich euch ansprechen und noch einmal zum Nachdenken anregen. Denn es ist das eine, für eine Ausgliederung zu sein und damit leben zu können, dass Investoren mittlerweile zum Fußball gehören, aber das andere, einen Vorschlag zu unterstützen, der auf alle Ewigkeit darauf beruht, den Entscheidungsträgern zu vertrauen.

In erster Linie geht es mir um die Diskussion, ob zukünftige Aktienverkäufe (bzw. Kapitalerhöhungen) durch eine Mitgliederabstimmung beschlossen werden und der Zustimmung von 75% bedürfen oder nicht. Nach Meinung unseres Präsidenten ist dies nicht notwendig, weil Demokratien auch auf Vertrauen beruhen und die Leute, die diese Entscheidung treffen, vorher wenigstens einmal dieses Vertrauen auf der Mitgliederversammlung bekommen haben. Gleichzeitig wird kritisiert, dass eine derartige Forderung ein hohes Maß an Misstrauen der Mitglieder in die Entscheidungsträger beinhaltet. In meinen Augen wird diese wichtige Kontrollfunktion des höchsten Gutes des Vereins, der Mitgliederversammlung, der Basis unseres Vereins, viel zu einfach weggewischt und trifft sich auch nicht mit den Realitäten, die wir in unserer Demokratie im Alltag erleben. Deswegen bin ich überrascht von den Äußerungen unseres Präsidenten, der ja bekanntermaßen für die SPD Mitglied des Bundestages gewesen ist. Ein kurzer Blick in die Partei unseres Präsidenten zeigt doch, wie so etwas demokratisch gelöst wird. Ein Vorstand und der Parteivorsitzende kriegen auf Parteitagen das Vertrauen ausgesprochen, führen für die Partei wichtige Verhandlungen und besetzen durch ihre Expertise entsprechende Posten, deren Anforderungen die meisten Leute aus der Basis nicht genügen würden. So bekommt der aktuell mit Vertrauen ausgestattete Vorstand das Mandat, über eine Zusammenarbeit mit der CDU zu verhandeln. Aber was passiert mit den Ergebnissen? Richtig, sie werden abschließend der Basis vorgelegt und diese kann und wird darüber abstimmen, ob die erreichten Ergebnisse von der Basis, die bei den Verhandlungen logistisch natürlich nicht mit am Tisch sitzen kann, den eigenen Überzeugungen gerecht werden. Das, genau das, ist Demokratie. Es beinhaltet ein Vertrauen der Basis in Entscheidungsträger und ein Vertrauen der Entscheidungsträger in die Basis. Dadurch, dass dies in unseren Diskussionen einfach so weggewischt wurde, habe ich den Eindruck, dass der Mitgliederversammlung nicht ausreichend vertraut wird und das Demokratieargument seitens des SPD-Mitgliedes Strässer nicht hinreichend ernst genommen wird. Die Basis muss also natürlich ausreichend vertrauen mitbringen, dass der Alltag positiv und im Sinne der Mitglieder gestaltet wird. Die Basis muss meiner Meinung aber darauf bestehen, bei Entscheidungen, die nicht mehr zu ändern sind, befragt zu werden. Und so eine Entscheidung haben wir bei jedem Investoreneinstieg in unseren Verein. Denn diese Investoren erwerben feste Anteile am Verein, die nicht mal eben zurück geholt werden können.

Ein weiteres Argument warum ein derartiges Abstimmungsverhalten nicht gewünscht wird, ist angeblich eine abschreckende Wirkung auf die Investoren. Wie bitte? Es soll sich doch immer um Investoren handeln, die aus der Region kommen, die ein Interesse daran haben, dass es unserem Verein gut geht und die gerne ein Teil des Erfolges sein wollen. Ist es da wirklich zu viel verlangt, dass sich diese auf Mitgliederversammlungen präsentieren und für Zustimmung werben? Ist es nicht eine schöne Vorstellung, dass die Mitglieder potentiell Interessierten direkt Fragen stellen können und sich vergewissern, dass die Absichten grundsätzlich positiv sind?

Meine Meinung ist: Alle Investoren, die sich davon abschrecken lassen in der Öffentlichkeit zu dem Investment zu stehen und ihre Ansichten zu vertreten, sind für unseren Verein die falsche Wahl. Wenn ich aus der Region komme und dem Verein helfen will, sollte es für mich eine Selbstverständlichkeit sein, mich vor der Basis zu präsentieren. Für die Mitglieder dagegen sollte es selbstverständlich sein, Rede und Antwort potentieller Investoren einzufordern. Alles andere ist in meinen Augen ein Kuschen vor den Investoren. Der Verein darf aber nicht in die Situation kommen, Investoreninteressen in den Vordergrund zu stellen. Und die Mitglieder, die darüber abstimmen dürfen, sollten dies bei der Abstimmung über dieses Modell im Blick haben. Denn das Modell gilt eben nicht nur für die aktuelle Vereinsführung. Meine persönliche Meinung ist auch, dass diese Leute grundsätzlich positive Absätze haben. Aber diese Abstimmung wäre auch ein Blankoscheck für alle zukünftigen Vereinsführungen und der Türöffner für Menschen, die nicht die gleichen ehrenwerten Absichten verfolgen.

Kurz: Warum haben die Verantwortlichen nicht die Zukunft im Blick, die Zeit, die irgendwann nach ihnen kommen wird und schaffen ein sichereres Modell. Denn eines ist doch klar, wenn die Ausgliederung mit über 75% Zustimmung bei den Mitgliedern durchgeht, dann werden auch alle weiteren Abstimmungen, die diese Prinzipien berücksichtigen, erfolgreich ausgehen.

Wovor habt ihr Angst?
Auch das weitere Argument, dass alle Personen erst einmal in die Gremien gewählt werden müssen, ist mir einfach zu wenig und angesichts der Zeit, in der wir leben, viel zu einfach und kurz gedacht. Denn wenn wir uns in der Welt umschauen, ist es doch ersichtlich, dass ganze Gesellschaften Gefahr laufen, objektiv gesehen unkluge Entscheidungen treffen. Geleitet von Emotionen, aufgewühlt durch besondere, einschneidende Ereignisse und charismatische Personen können demokratische Wahlen manipuliert werden und später von den Leuten, die anfangs noch begeistert waren, bereut werden.

Als einfache Beispiele sind die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika oder die umstrittene Brexitentscheidung zu nennen. Das sind beides demokratische Entscheidungen gewesen, was aber einfach nur beweist, dass nicht jede demokratisch Entscheidung eine dauerhaft richtige Entscheidung sein muss. Man kann von Glück reden, dass es in der amerikanischen Verfassung das Checks and Balances System gibt und die Macht des Präsidenten groß, aber nicht unendlich ist.

Übertragen auf unseren Verein, bei dem ich, um das zu unterstreichen, niemals eine aktuell involvierte Person mit Trump oder sonst wem vergleichen würde, ist es ein Appell an alle Mitglieder, zu hinterfragen, ob das vorgeschlagene Modell auch bei falschen Entscheidungen der Mitglieder, beeinflusst durch charismatische, wohlhabende Investoren, ausreichend ist um den Verein dann zu schützen.

In meinen Augen: Ein ganz klares Nein. Im Alltag wird es so sein, dass unser Verein in sportlichen Notsituationen durch reines Pech (Verletzungen, Spieler schaffen es nicht das abzurufen, was sie eigentlich könnten) in eine Abhängigkeit von frischem Geld der Investoren gerät, die zwangsläufig zu mehr Macht und Einfluss der Investoren in den Gremien führt. In solchen Situationen, die bei unserem Verein erfahrungsgemäß sehr wahrscheinlich eintreten werden, gibt es keine einzige Möglichkeit der Basis, den Einfluss der Investoren zu beleuchten und die Macht dieser Menschen wird größer und größer. Ganz genau wie es in den negativen Beispielen in Hamburg, Hannover oder bei 1860 läuft. Da unser Verein noch viel mehr vom Geld der Investoren abhängig sein wird, als es diese Vereine sind, finde ich es absurd, wenn immer wieder nur betont wird, dass es nichts bringt immer auf die schlechten Beispiele zu zeigen. Was, wenn nicht diese offensichtlichen Entwicklungen, sollte uns zum Nachdenken darüber anregen, ob unsere neue Satzung nicht doch besser mehr Schutz vor diesen Investoren beinhalten sollte?

Denn die Vergangenheit bei unserem lieben Sportclub hat doch gezeigt, wie schnell eine Abhängigkeit von reichen Menschen entstehen kann und wie verschlagen die sehr reichen Menschen dann scheinbar sind und sein müssen, um sich so zu verkaufen, wie es die Mitglieder hören möchten. Dieses Problem besteht unabhängig vom Modell des eingetragenen Vereins oder einer GmbH & Co. KGaA oder sonst etwas. Auch das aktuelle Modell ist verkrustet, veraltet und fehleranfällig. Aber ist die Konsequenz für alle Mitglieder, dass man von dem einen unzureichenden Modell in ein anderes noch viel unzureichenderes Modell wechselt und alles, ja wirklich alles, auf das Vertrauen im Vorfeld ausgelegt wird?

Insbesondere, so ehrlich muss ich sein, bin ich da bei unseren Mitgliederversammlungen skeptisch. Mir geht es nicht darum zu sagen, dass ich oder wir im Nachhinein Recht hatten. Aber der von den Ultràsgruppen geführte, jahrelange, kräfteaufreibende Kampf gegen Thomas Bäumer und Konsorten hat doch etwas gezeigt. Auch wenn dabei durchaus verschiedene Themen auf der Agenda gestanden haben. Die Mehrheit der Vereinsmitglieder hat sich als unkritischer Abnicker gezeigt und den alten Vorstand bzw. Aufsichtsrat immer in den höchsten Tönen gelobt und verteidigt. Daraus wird aber anscheinend nicht gelernt. Stattdessen wird den nächsten Plänen gefolgt. Ohne darüber nachzudenken, welche Probleme auf lange Sicht für den Verein entstehen können.

Deswegen mein abschließender Appell. Wenn ihr euch als kritische Fans und Mitglieder seht und euch trotzdem dafür entschieden habt, für eine Ausgliederung zu sein, denkt bitte!! über die Verantwortung nach, die mit dieser Abstimmung verbunden ist. Denkt nicht alleine an die finanzielle Notlage, die seitens der Vereinsführung geschickt mit der angeblichen Notwendigkeit einer Ausgliederung verknüpft wird und stimmt gegen das angestrebte Modell. Und sorgt mit eurer Stimme dafür, dass unser Verein zuerst eine wirklich schützende Satzung erhält.

Ich schließe den Text ehrlich ab: Solange mit einer Ausgliederung das Ziel der Investorengewinnung verfolgt wird, werde ich gegen diese abstimmen. Andernfalls müsste gewährleistet sein, dass die Mitgliederversammlung in den entscheidenden Fragen über den Einstieg von Investoren und Kapitalerhöhungen das letzte Wort hat. Und dann greift natürlich die Demokratie. Und die sagt per Gesetz, dass bei derartig wichtigen Entscheidungen 75% zustimmen müssen. Also die Mehrheit der Mehrheit.

Traut euch Nein zu sagen, auch wenn ihr nicht strikt gegen eine Ausgliederung seid!

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